Lucas Scherpereel bittet mich, kurz zu warten. Draußen vor dem Fenster zieht ein Schwarm Stare in perfekter Formation über die Dächer. Er beobachtet sie schweigend, als würde er in ihnen etwas lesen, das mir verborgen bleibt. Dann dreht er sich um, lächelt still und sagt: „Jetzt können wir anfangen.“
Lucas ist ein Mann, dem man nicht sofort ansieht, womit er seinen Lebensweg beschreitet. Kein Theatralik, keine Gewänder, keine mystischen Symbole an den Wänden. Stattdessen: ein schlichter Raum, gedämpftes Licht, ein leises Knistern im Kamin. Und doch liegt eine besondere Stille in diesem Haus – eine, die sich anfühlt, als würde die Luft selbst zuhören.
Er genießt internationalen Ruf. Hochrangige Persönlichkeiten, die anonym bleiben möchten, sollen durch ihn Heilung gefunden haben. Ärzte und Krankenhäuser empfehlen ihn weiter – eine Tatsache, die er selbst mit einem leisen Staunen erwähnt, als könne er es noch immer nicht ganz fassen.
– Was hat Sie persönlich zur Geistheilung geführt, und wie haben Sie entdeckt, dass Sie eine heilende Gabe besitzen?
„Meine Gabe kommt aus einer langen Familientradition. Meine Mutter heilte Menschen, Tiere und Kinder mit ihren Händen und speziellen Ritualen. Dieses Wissen wurde liebevoll an mich weitergegeben, als sie aus dem Leben schied. Es brauchte dann aber noch einige Zeit, und ein bestimmtes Erlebnis in Afrika – eine Initialzündung, wenn man so will – bis ich bereit war, in die Fußstapfen meiner Mutter zu treten.“
Lucas hält inne. Das Wort Afrika hängt im Raum wie ein Ton, der langsam verhallt. Ich frage nach.
– Was geschah in Afrika?
„Es war ein Dorf im Innern des Landes, dessen Namen ich nie ausspreche – nicht aus Geheimhaltung, sondern weil er mir heilig ist. Ein Kind lag im Sterben, Fieber, das keine Medizin mehr brach. Die Ältesten sahen mich an, als wäre ich nicht zufällig dort angekommen. Ich legte meine Hände auf das Kind und betete – nicht mit Worten, sondern mit allem, was ich war. Am nächsten Morgen saß das Kind und aß. Ich wusste: Das war kein Zufall. Das war ein Auftrag.“
– Wie würden Sie Geistheilung für jemanden beschreiben, der mit dieser Art der Heilung noch nie in Berührung gekommen ist?
„Geistheilung ist für mich eine spirituelle Unterstützung und Hoffnung in Situationen, wo andere Wege versagen. Ich arbeite durch heilende Hände, Gebete und Medialität, um den Menschen Kraft und Wohlergehen zurückzubringen.“
Er überlegt kurz, als suche er nach einer Brücke.
„Stellen Sie sich vor, ein Baum verliert alle Blätter. Die Wissenschaft kann die Blätter zählen, den Boden analysieren, das Wasser messen. Aber irgendetwas im Baum selbst will nicht mehr. Dieses Etwas – dieser unsichtbare Lebenswille – das ist es, womit ich arbeite.“
– Welche Rolle spielt der Glaube – an die Heilung und an Gott – in diesem Prozess?
„Glaube an die Heilung hilft natürlich, sie zu intensivieren, aber ich arbeite auch mit Menschen, die skeptisch sind. Die geistige Arbeit findet dennoch ihren Weg. Der Glaube an Gott oder den Allmächtigen hingegen ist unabdingbar. Nennen Sie es Universum, Lichtenergie oder wie auch immer – am Ende läuft es auf das Gleiche hinaus.“
– Haben Sie erlebt, dass ein völlig ungläubiger Mensch geheilt wurde?
„Mehr als einmal. Ein Ingenieur aus Stuttgart – ein durch und durch rationaler Mann – kam zu mir mit einer Diagnose, die ihn eigentlich schon abgeschrieben hatte. Er glaubte an nichts. Er sagte mir das auch sofort, fast trotzig. Ich habe ihn nicht überreden wollen. Wir haben geschwiegen, ich habe gearbeitet. Drei Monate später rief er an. Er sagte nur: 'Ich verstehe es nicht. Aber es ist weg.' Manchmal braucht es den Verstand nicht. Der Körper weiß mehr als wir denken.“
– Gibt es bestimmte Methoden oder Rituale, die Sie bei der Abwehr von negativen oder dunklen Energien anwenden?
„Ja. Ich setze Rituale aus dem Vermächtnis eines verstorbenen Erzbischofs ein, die er mir im Vertrauen auf meinen Einsatz nur für positive Zwecke gegeben hat. Sie sind unglaublich kraftvoll.“
– Können Sie etwas mehr über diesen Erzbischof erzählen?
„Er war ein alter Mann, als wir uns begegneten – über achtzig, klar wie Bergwasser. Wir trafen uns mehrfach in Paris. Er hatte ein Leben damit verbracht, das Böse zu verstehen, nicht um es zu fürchten, sondern um es zu benennen. Er sagte mir: 'Das Licht braucht jemanden, der es hält.' Diese Rituale sind kein Zauber. Sie sind Gebet in seiner konzentriertesten Form.“
– Wie erkennen Sie, ob gesundheitliche Probleme energetischer, emotionaler oder spiritueller Natur sind?
„Meine Hellsichtigkeit und Intuition helfen mir dabei. Ich benötige immer ein aktuelles Bild von der jeweiligen Person, damit ich in Verbindung mit OBEN meine Hände auflegen kann. Meist spüre ich sofort, was vorliegt und nicht stimmig ist – und wie es zu behandeln ist.“
– Können Sie beschreiben, wie sich das anfühlt – dieses Spüren?
„Es ist wie das Lesen einer Partitur, die kein anderer vor sich hat. Manchmal ist es ein Druck in der Brust – dann weiß ich, dass dort Trauer sitzt, oft jahrzehntealte Trauer. Manchmal ist es eine Art Summen, ein Rauschen, das ich nicht mit den Ohren höre. Einmal sah ich bei einem Mann eine Dunkelheit über seiner linken Schulter. Er hatte dort nie Schmerzen gehabt. Zwei Wochen später rief sein Arzt ihn wegen eines Befundes an genau dieser Stelle an.“
– Wie sehen Sie die Zukunft der Geistheilung in einer zunehmend wissenschaftlich orientierten Gesellschaft?
„Geistheilung hat immer ihren Platz, da sie das ergänzt, was Wissenschaft und Technik allein nicht leisten können. Sie unterstützt das, was wissenschaftlich noch unerreichbar ist. Man kann es mit Worten gar nicht richtig erklären, weil es nicht von dieser Welt ist.“
– Fürchten Sie, nicht ernst genommen zu werden?
„Früher vielleicht. Heute nicht mehr. Die Wissenschaft selbst beginnt, an Grenzen zu stoßen, die sie bisher nicht kannte. Quantenphysik, Bewusstseinsforschung – die Fragen werden größer, nicht kleiner. Und wenn ein Onkologe mir sagt, dass er einen Patienten nach einem Besuch bei mir verändert antrifft – ruhiger, entschlossener, lebendiger – dann brauche ich keine Anerkennung mehr. Die Realität spricht für sich.“
– Welche ersten Schritte sollten austherapierte Menschen mit unheilbaren Krankheiten Ihrer Meinung nach unternehmen?
„Der erste Schritt ist, sich für eine neue Perspektive zu öffnen. Der Kontakt zu einem Heiler gibt Kraft und Hoffnung, die oft der Beginn eines Heilprozesses sind. Der nächste und wichtigste Schritt ist das Gebet – von beiden Seiten, vom Heiler und vom Patienten. Nicht umsonst sagt man, dass Beten die beste Medizin der Welt ist.“
Ich frage, was er Angehörigen sagen würde, die nicht mehr wissen, wie sie einem sterbenden Menschen beistehen sollen.
„Ich sage ihnen: Seid einfach da. Sprecht nicht über die Krankheit. Singt ein altes Lied. Haltet eine Hand. Der Geist weiß, dass er geliebt wird – und manchmal ist Liebe das Einzige, was ihn noch hält, und manchmal das Einzige, das ihn loslassen lässt. Beides ist Heilung.“
– Gibt es einen Fall, der Sie selbst erschüttert hat – der Sie an Ihre eigenen Grenzen gebracht hat?
„Ein junges Mädchen. Acht Jahre alt. Die Eltern waren am Ende. Ich habe alles gegeben, was ich hatte – drei Sitzungen, intensiver als alles zuvor. Das Kind starb. Und ich saß danach allein in diesem Raum und fragte zum ersten Mal: Wozu das alles? Aber dann – und ich weiß, das klingt seltsam – dann spürte ich etwas. Eine Wärme. Keine Antwort, aber eine Gegenwart. Als würde jemand sagen: Es war richtig, dass du da warst. Seitdem weiß ich, dass Heilung nicht immer bedeutet, dass jemand am Leben bleibt.“
– Wenn Sie einen Wunsch frei hätten – was würden Sie sich wünschen?
„Das ist eine gute Frage. Ich möchte in naher Zukunft, dass Schulmediziner und Geistheiler zusammenfinden, um neue Felder mit Mentalkraft zu erschließen und gezielter Menschen in Not zu helfen und zu heilen. Damit wäre ein sehr großer Schritt für die Menschheit getan.“
Wir schweigen einen Moment. Draußen ist es inzwischen dunkel geworden. Der Kamin knistert. Lucas Scherpereel steht auf, geht zum Fenster und schaut in die Nacht.
„Wissen Sie“, sagt er schließlich, ohne sich umzudrehen, „die Menschen fragen mich oft, ob ich Angst vor dem Tod habe. Ich sage ihnen immer dasselbe: Ich habe mehr Kontakt mit dem, was danach ist, als mit dem, was hier ist. Der Tod ist mir vertraut. Wie ein alter Nachbar, dem man irgendwann aufgehört hat, auszuweichen.“
Er dreht sich um. Sein Lächeln ist ruhig, fast heiter.
„Kommen Sie gut nach Hause.“
Das Interview wurde geführt von René Eger